News VerbandsMagazin

VM 10/2022: Zielkonflikt Energiekrise und Klimaschutz – Doppelter Druck auf die Wohnungswirtschaft

Mieterschaft und Wohnungswirtschaft stehen in der aktuellen Energiekrise unter der hohen Belastung gestiegener Energiekosten, obwohl die Heizperiode in der kalten Jahreszeit noch gar nicht richtig begonnen hat. Für die sozial orientierte Wohnungswirtschaft stellt sich diese Entwicklung, zusammen mit den umzusetzenden Klimaschutzbestimmungen, als erhebliche Herausforderung für die Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum dar.

Um ihre Mieterinnen und Mieter im Umgang mit den hohen Preisen zu unterstützen, investieren die Mitgliedsunternehmen und -genossenschaften des VdW Rheinland Westfalen in die Optimierung ihrer Heizungsanlagen und nutzen dafür Kapital, das auch für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen im Gebäudebestand benötigt wird. Selbstverständlich sind Klimaschutzmaßnahmen ein sinnvoller Weg, den Gasbedarf und somit die Energiekosten der Haushalte langfristig zu senken. Angesichts des Fachkräftemangels sowie fehlender Materialien und Bauteile handelt es sich dabei jedoch um Lösungen, die für Wohnungsunternehmen und -genossenschaften kurz- und mittelfristig nicht umsetzbar sind.

So ergibt sich für die Wohnungswirtschaft mit Blick auf die Bezahlbarkeit des Wohnraums ein Zielkonflikt zwischen Energiekrise und Klimaschutz hinsichtlich des Einsatzes von finanziellen Mitteln und den ohnehin nur knapp verfügbaren Fachkräften.

Die hochumstrittene Gasumlage für alle Endkunden ist vom Tisch – stattdessen soll es eine Gaspreisbremse geben. Um private Haushalte und Firmen nicht zu überfordern, sollen mindestens für einen Teil des Verbrauchs nun die Preise gebremst werden. Nach Einschätzung der Bundesnetzagentur muss diese Unterstützung für etwa zwei Jahre gelten. Genaue Details sind diesbezüglich jedoch noch offen, auch der Startzeitpunkt der Gaspreisbremse wird derzeit noch politisch debattiert: Nachdem März 2023 als Beginn kommuniziert wurde, mehren sich die Forderungen, diesen auf Januar 2023 vorzuziehen.
Der große „Wumms“, wie der Bundeskanzler die Gaspreisbremse nannte, hat jedoch weitere Debatten ausgelöst. Insbesondere zur Frage, wie trotz der milliardenschweren Entlastung Sparanreize bestehen bleiben können, um einer drohenden Mangelsituation zu entkommen.

Der Klimaschutz ist in den vergangenen Monaten durch den Krieg in der Ukraine und die Energiekrise in der Berichterstattung weitgehend in den Hintergrund gerückt, jedoch führte die Politik zuletzt weitere Maßnahmen ein, um die Klimaschutzziele im Gebäudesektor und die Klimaneutralität bis 2045 zu erfüllen. Mit dem Sofortprogramm für den Gebäudesektor hat die Bundesregierung im Juli 2022 eine Reihe von Maßnahmen angekündigt, die in den kommenden Monaten und Jahren umgesetzt werden sollen. So sollen mit der Novelle des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) unter anderem die Energieeffizienzstandards im Neubau zunächst auf EH 55 in 2023 und dann ab 2025 auf EH 40 erhöht werden. Außerdem plant die Regierung, dass ab 2024 alle neueingebauten Heizungsanlagen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden sollen.

Die Energiekrise verschärft die Situation in mehr als einer Hinsicht: Sie steigert die Nachfrage nach derzeit knappen, regenerativ betriebenen Heizungsanlagen, was die Preise für z. B. Wärmepumpen weiter steigen
lässt. Zudem ist bei vorangehenden Produktionsschritten der Einsatz von grauer Energie erforderlich, sodass die steigenden Gaspreise Baumaßnahmen zusätzlich verteuern, da gestiegene Produktionskosten ebenfalls auf die Endkunden umgelegt werden. Darüber hinaus werden für die von der Bundesregierung geforderten Maßnahmen zur Heizungsoptimierung Fachkräfte benötigt, die nicht selten auch für die Installation und Wartung von klimaschonenderen Heizungsanlagen benötigt werden. Das verschärft den Fachkräftemangel noch zusätzlich und verzögert Klimaschutzmaßnahmen in Bestand und Neubau.

All diese Faktoren führen dazu, dass derzeit Kapital eingesetzt wird, das auch für die Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen benötigt wird. Klimaschutz war bereits vor den aktuellen Entwicklungen eine große Herausforderung für die sozial orientierte Wohnungswirtschaft. Denn sie sieht sich der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum verpflichtet, weshalb teure Maßnahmen, etwa zur Steigerung der Energieeffizienz, nicht oder nur teilweise auf die Mieten umgelegt werden sollen. Zusätzliche Investitionen erschweren daher die Vereinbarkeit von bezahlbarem Wohnraum und Klimaschutz noch zusätzlich. Nichtsdestotrotz führt der reduzierte Energieverbrauch jedes Einzelnen unwillkürlich zu reduzierten CO2-Emissionen und möglicherweise zu einem gesellschaftlichen Umdenken, das den Klimaschutz langfristig weiter voranbringt.

Wie die sozial orientierte Wohnungswirtschaft mit diesem Zielkonflikt umgeht und wie Wissenschaft, Politik und Gesellschaft die Vereinbarkeit einschätzen, bildet den Schwerpunkt dieser Ausgabe des Verbands- Magazins.

Katrin Stamm
Katrin Stamm
Abteilungsleitung Interessenvertretung, Verbandskommunikation, Marketing und Neue Mobilität
Tel.: 0211 16998-94
mehr