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So gelingt Klimaneutralität!

Die Wohnungswirtschaft hat ihn voller Spannung erwartet – nun ist es so weit: Der erste Praxisbericht der Initiative Wohnen.2050 wurde am 11. Oktober 2021 veröffentlicht und liefert Fakten zu der größten wohnungswirtschaftlichen Herausforderung der kommenden Jahrzehnte.

Der VdW Rheinland Westfalen ist Gründungspartner der wohnungswirtschaftlichen Initiative Wohnen.2050 und ist mit zahlreichen Mitgliedsunternehmen und -genossenschaften im wohnungswirtschaftlichen Netzwerk aktiv. Die Partner werden gemeinsam Strategien zur Erreichung der Klimaneutralität erarbeiten und die ehrgeizigen Klimaschutzziele realisieren.

Um das im Pariser Abkommen fixierte Kleiner-Zwei-Grad-Ziel und einen vollkommen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 zu erreichen, müssen ab sofort jährlich über fünf Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. Trotz der 2021 initiierten Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) bleibt die Finanzierbarkeit der nötigen Maßnahmen das beherrschende Thema der Wohnungsunternehmen: Zum einen sollen sie dem sozial-gesellschaftlichen Auftrag folgen, möglichst schnell und dauerhaft für bezahlbare Wohnungen samt Infrastrukturen zu sorgen. Parallel sind sie aufgefordert, in immer kürzeren Abständen und unter ständig verschärften Vorgaben auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene den Klimaschutz voranzutreiben. Hierfür müssen finanzielle Mittel in ausreichender Höhe langfristig gesichert und bestehende regulatorische Hemmnisse abgebaut werden. 

Aus diesem Grund enthält der Praxisbericht auch einen dringenden Appell an politische Entscheidungsträger auf allen Ebenen, um der riesigen Herausforderung begegnen und diese auch meistern zu können. Die Hürden zur Erreichung der Klimaziele 2045 sind für diese Branche besonders hoch.

Sie betreffen:

… den gesetzten Zeitrahmen:

2045 klimaneutral zu sein, heißt: Ein Sechstel weniger Zeit zu haben gegenüber dem bisherigen Kleiner-Zwei-Grad-Ziel 2050.

… die Höhe und Art der notwendigen Investitionen sowie den Umfang der notwendigen finanziellen Unterstützung:

Bereits das Ziel der Klimaneutralität 2050 war für eine sozial agierende Wohnungswirtschaft nur mit Zuschüssen in ausreichender Höhe und Volumina zu bewältigen. Mindestens 10 Milliarden Euro pro Jahr sind nötig, um die Finanzierungslücke zu schließen.

… die Änderung und Anpassung regulatorischer Rahmenbedingungen:

Die Wohnungswirtschaft benötigt auf lange Sicht Planungssicherheit hinsichtlich gesetzlicher Vorgaben und Zeitläufe zur Treibhausgas-Reduzierung im Gebäudesektor.

… Technologie-Offenheit:

In der zukünftigen Energieerzeugung und -versorgung von Wohnungsbeständen muss Technologie-Offenheit das Leitmotiv sein.

…. die Sektorkopplung:

Klimaneutralität im Gebäudesektor ist nur zusammen mit den Wärme- und Stromlieferanten realisierbar. Die mittlerweile 123 Partnerunternehmen der Initiative Wohnen.2050 wollen ihren Beitrag zur Klimaneutralität 2045 leisten. Sie stehen für über 1,9 Millionen Wohneinheiten, die bis 2045 klimaneutral entwickelt werden sollen. Diese sind Heimat für 4,5 Millionen Menschen.

Fakt ist:

Die Wohnungswirtschaft als monolithischen Block gibt es nicht. Sowohl hinsichtlich der Größenstrukturen – wenige 100 bis mehrere 100.000 Wohneinheiten – als auch in Bezug auf Gesellschaftsstrukturen und Eigentümerformen ist die Branche heterogen.

Auch weitere Strukturen bedingen erhebliche Unterschiede: In strukturschwachen Regionen sind die Leerstandsraten hoch, Möglichkeiten einer Mieterhöhung fehlen. Ebenso stehen Eigentümer mit einem relevanten Anteil an denkmalgeschützten Gebäuden vor Herausforderungen: eine Hülloptimierung für erneuerbare Niedertemperatursysteme mit vertretbarem Aufwand ist hier in Serie nicht möglich. Die Wohnungsunternehmen in der IW.2050 bekennen sich zum Kleiner-Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens. Aber selbst Vorreiter-Unternehmen wie die in der IW.2050 organisierten können ihre Bestände nicht ohne Unterstützung innerhalb der nächsten 24 Jahre entsprechend modernisieren.

Die Klimaziele sind nur zu erreichen mit…

den richtigen, langfristigen politischen Vorgaben und gesetzlichen Regeln.

massiver und zuverlässiger finanzieller Unter-stützung.

der Anpassung regulatorischer Rahmenbedingungen für eine Sektorkopplung, als Schulterschluss auf Augenhöhe zwischen Energie- und Wohnungswirtschaft.

Die im „IW.2050-Praxisbericht 2021: Gemeinsam. Handeln. Jetzt.“ dargestellten Ergebnisse und Erkenntnisse zeigen, dass die Transformation zur Klimaneutralität selbst für engagierte Unternehmen eine immense Herausforderung auf verschiedenen Ebenen darstellt:

Mit Bezug auf die bisherigen Förderkategorien liegen die über den Gesamtbestand erzielbaren maximal möglichen Zielniveaus hinsichtlich der Anforderungen an die Qualität der Gebäudehülle für Bestandsgebäude zwischen Effizienzhaus 70 und 55. Effizienzhaus 55 lässt sich selbst bei ausreichender Förderung nicht über alle Gebäudetypen und Baualtersklassen mit vertretbarem Aufwand realisieren.

Nach Erfahrung der IW.2050-Partnerunternehmen führt eine Orientierung an Primärenergiestandards und BEG-Vorgaben zukünftig nicht zwingend zur größtmöglichen CO2-Reduktion. Denn: Ein niedriger Primärenergiebedarf heute bedeutet nicht automatisch niedrigere CO2-Emissionen. Nach Berechnungen verhindern im Extremfall die Vorgaben des Effizienzhaus-Standards 40 sogar die Realisierung einer kurz- bis langfristig CO2-seitig zielführenden Versorgungsvariante mit Wärmepumpen, die regenerativ versorgt werden. Denn: Energetische Standards nach GEG fokussieren nur den berechneten Primärenergiebedarf, nicht die Entwicklung der CO2-Emissionen, z. B. durch einen grüner werdenden Strom-Mix.

Auf Basis der bisherigen GEG-Berechnungsstandards wird ausschließlich der heutige Status der Emissionen bewertet. Hohe Energiestandards sind nach aktuellen gesetzlichen Bilanzierungsregeln nur mit dem Einsatz von Energieträgern zu erreichen, die aktuell schon als regenerativ angesetzt werden. Es besteht hier ein Ungleichgewicht, da dies beim Bezug von Fernwärme aus regenerativen Quellen im Gegensatz zum Bezug von Öko-Strom möglich ist.

Aufgrund hoher Stromkosten wird ein deutlicher Fehlanreiz hinsichtlich strombasierter Wärmeversorgungssysteme erzeugt. Des Weiteren können selbst lokal regenerativ versorgte Systeme nach GEG derzeit mit maximal 45 Prozent als CO2-neutral bilanziert werden. Der Rest wird mit dem deutschen Strom-Mix bilanziert. Mit diesem Fokus besteht die Gefahr, eine der derzeit vielversprechendsten Technologien bilanziell schlechter darzustellen und Investitionsentscheidungen negativ zu beeinflussen.

Hohes Potenzial für Energieeinsparung bieten Verhaltensanpassungen: Beim Heizen können Mieterinnen und Mieter können durch regelmäßige digitale Informationen mithilfe von Smart-Home-Systemen ihr Heizverhalten anpassen und den Verbrauch senken. Wichtig hierbei: Nur durch den Einsatz einheitlicher Systeme wird eine Optimierung erreicht. Wohnungsbezogene Energiedaten von Mehrfamilienhäusern müssen daher verwendet werden dürfen, alle Technologien und deren Schnittstellen müssen kombinierbar („interoperabel“) werden.

Faire Partnerschaften mit langfristiger Abnahmesicherheit könnten das Investitionshemmnis der Energiewirtschaft lösen. Verbindliche Anteile erneuerbarer Energien zu festen Zeitschritten in den Netzen sind eine wesentliche Voraussetzung für die Wohnungswirtschaft, die Klimaziele zu erreichen. Die Entwicklung von CO2-Emissionen der Energieträger bis 2045 sollte bei den Investitionsentscheidungen der Wohnungsunternehmen einbezogen werden können.

Nur eine langfristig faire Lastenverteilung der CO2-Bepreisung verhindert ein massives Abschmelzen der Investitionsmittel der Wohnungswirtschaft, die zur Erreichung der Klimaziele zur Verfügung stehen. Fair bedeutet in Abhängigkeit von der energetischen Qualität des Gebäudes:

• Gute Qualität = größerer Anteil der Abgabe auf der Mieterseite, da das Verbrauchsverhalten den größten Einfluss hat.

• Schlechte Qualität = größerer Anteil der Abgabe auf der Vermieterseite, da hier der Gebäudezustand den größten Einfluss auf die energetische Performance hat.

Trotz der 2021 initiierten Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) bleibt die Finanzierbarkeit der nötigen Maßnahmen weiterhin das beherrschende Thema. Die Branche wird zum Spagat gezwungen: Zum einen sollen die Wohnungsunternehmen dem sozialen Auftrag folgen, Wohnraummangel zu beseitigen und möglichst schnell für langfristig bezahlbare Wohnungen samt Infrastrukturen sorgen. Parallel sind sie aufgefordert, in immer kürzeren Schritten und unter ständig verschärften Vorgaben auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene den Klimaschutz voranzutreiben. Um diese immense Doppelaufgabe bewältigen zu können, müssen finanzielle Mittel in ausreichender Höhe langfristig gesichert werden.

Den vollständigen Praxisbericht der Initiative Wohnen.2050 finden Sie rechts im Downloadbereich als pdf-Datei.

Oliver Niermann
Oliver Niermann
Abteilungsleitung Interessenvertretung, Wohnungs- und Städtebauförderung, Landesplanung und Raumordnung
Tel.: 0211 16998-38
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Isabel Brähler
Isabel Brähler
Referentin Energie, Umwelt, Bautechnik und Normung
Tel.: 0211 16998-14
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